Die Vorteilspackung - Der große Regeltest zur Vorteilsbestimmung

Die Komplexität der Vorteilsbestimmung

Eine der wichtigen Kriterien bei der Beurteilung von besonders qualifizierten Spielleitern ist die richtige Anwendung der Vorteilsbestimmung. Dazu ist »Fingerspitzengefühl« erforderlich. Da das Zentrum des viel zitierten Fingerspitzengefühls nicht in den Fingern, sondern im Gehirn zu finden ist, kann man die richtige Anwendung der Vorteilsbestimmung schulen.

Die nachstehenden Übungen wurden zunächst für Schiedsrichterbeobachter konzipiert. Ihnen sollte verdeutlich werden, dass die Entscheidung, ob die Vorteilsbestimmung angewandt werden sollte, von sehr komplexer Natur ist; denn viel zu oft wurde zu Unrecht im Beobachtungsbogen die fehlende oder nicht korrekte Anwendung der Vorteilsbestimmung bemängelt.

Erkennen Sie die Komplexität der Vorteilsentscheidungen

Unterstreichen Sie im eingerahmten Text die Wörter oder Satzteile, die für oder gegen die Anwendung der Vorteilsbestimmung sprechen.

Hinweis: Bitte klicken Sie mit der Maus auf die entsprechenden Wörter oder Satzteile. Ihre Wahl erscheint dann farbig unterstrichen. Einmal Klicken: Spricht für die Anwendung der Vorteilsbestimmung (blauviolett). Ein weiterer Klick: Spricht gegen die Anwendung der Vorteilsbestimmung (orange). Ein weiterer Klick: Keine Bedeutung für die Anwendung der Vorteilsbestimmung (keine Unterstreichung).

»Vorteil« oder eher »Kein Vorteil«

Ein Spieler des Platzvereins (richtig) (falsch), der als besonders fairer Spieler bekannt ist (richtig) (falsch) foult gleich zu Beginn (richtig) (falsch) eines Lokalderbys (richtig) (falsch) in der Nähe der Mittelfahne (richtig) (falsch) bei hartgefrorenem Boden (richtig) (falsch) einen Stürmer (richtig) (falsch). Der Angreifer bleibt in Ballbesitz (richtig) (falsch). Der Schiedsrichter zögert mit dem Pfiff, zumal von keiner Seite Unmut (richtig) (falsch) laut wird.

Lösung

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Anmerkungen zur Lösung: »Vorteil« oder eher »Kein Vorteil«

Es ist unproblematisch, die Vorteilsbestimmung anzuwenden, wenn ein Spieler des Platzverein einen Regelverstoß begeht, da unter anderem von den Zuschauern keine Proteste zu erwarten sind. Die Erfahrung mit diesem Arbeitsblatt zeigt, dass etwa 50% der Schiedsrichter diesen Passus anders bewerten möchten. Ihrer Motivation liegt ein Denkfehler zugrunde: Sie möchten nicht als Heimschiedsrichter gelten, vergessen aber, dass bei der Anwendung der Vorteilsbestimmung ja der Gast bevorzugt wird!

Bei dem als »besonders fair bekannten Spieler« ist Vorsicht geboten: Einerseits sollten die Schiedsrichter in jedes neue Spiel möglichst unvoreingenommen hineingehen, andererseits bleibt es nicht aus, dass man den Charakter der Akteure im Laufe der Zeit kennen lernt und damit weiß, wie man richtig reagieren muss, um ein Spiel anstandslos über die Runden zu bringen. Zudem: Bei einem sonst immer fairen Spieler ist die Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung eines Foulspiels geringer.

Zu Beginn eines Spieles wird der gute Spielleiter zunächst einmal zeigen, wer das Sagen auf dem Spielfeld hat: Er wird die Vorteilsbestimmung zunächst nur vorsichtig anwenden. Großzügigkeit ist bei der Leitung von Lokalderbys selten angebracht. Die Empfehlung: Zunächst lieber einmal mehr pfeifen !

Viele Spielleiter sind der Meinung, gerade im Mittelfeld sei die Anwendung der Vorteilsbestimmung geraten (und unproblematisch). Das ist falsch ! Beim Fußballspiel kommt es darauf an, Tore zu erzielen. Aus diesem Grunde werden Schiedsrichter, die unmittelbar vor einer Torerzielung auf Vorteil entschieden, besonders gelobt. Für Regelübertretungen gegen Angreifer gilt: Je näher dem Tor, umso häufiger die Vorteilsbestimmung anwenden!

Die Platzbeschaffenheit (zum Beispiel hartgefrorener Boden) und das Wetter beeinflussen ebenfalls die Vorteilsentscheidung: Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob ein Spieler bei -6° mit blaugefrorenen Knien auf einem steinharten Platz mit rauher Oberfläche oder an einem strahlenden Sommertag auf einem weichen Rasenplatz zu Fall gebracht wird.

Weshalb vornehmlich Angreifer (Stürmer) von der Vorteilsbestimmung profitieren sollten, wurde vorstehend bereits geklärt. Verteidigende Spieler können einen Vorteil seltener nutzen: Ist eine Mannschaft in die Defensive gedrängt, so ist es für Abwehr meistens vorteilhafter, wenn der Schiedsrichter das Spiel unterbricht: Statt den Ball unkontrolliert aus der Gefahrenzone treten zu müssen, kann sie sich während einer Spielunterbrechung in aller Ruhe wieder nach vorn formieren und einen unbedrängten Angriff starten.

Dass die geschädigte Mannschaft in Ballbesitz bleiben muss, ist natürlich die Grundvoraussetzung für die Anwendung der Vorteilsbestimmung. Neu ist vielleicht, dass das Umfeld (Spieler, Trainer, Zuschauer) die Anwendung der Vorteilsentscheidung mit beeinflussen können (wenn von keiner Seite Unmut laut wird). Diese Behauptung lässt sich am besten im Umkehrschluss beweisen: Wenn es auf dem Spielfeld hektisch wird (z.B. nach der Verhängung eines Strafstoßes, nach einem Feldverweis, nach bösen Verletzungen, bei dauernder Kritik am Spielleiter) gibt es nur eins: Pfeifen, Pfeifen, Pfeifen !

Fazit dieser Übung: Die Entscheidung darüber, ob die Vorteilsbestimmung angewandt werden sollte, ist jeweils von vielen Faktoren abhängig. Der Schiedsrichter muss diese Einflüsse in Sekundenschnelle(!) verarbeiten und eine Entscheidung treffen. Die Faktoren sind zudem auch noch unterschiedlich zu gewichten: Im dargestellten Fall wird die Tatsache, dass das Foulspiel gleich zu Beginn des Spieles begangen wird, wahrscheinlich den Ausschlag zur Nichtanwendung der Vorteilsbestimmung geben.

Kurz gesagt: Die Frage darf nicht lauten »Vorteil - ja oder nein?« sondern »Vorteil - eher ja oder eher nein«.


Sie sind sich über die Komplexität der Vorteilsbestimmung im Klaren? Dann geht es weiter mit dem Kennenlernen und Bewerten von Faktoren, welche die Anwendung der Vorteilsbestimmung beeinflussen.