Regeländerungen 2005

Waren Feinmechaniker oder Grobmotoriker am Werk ?

Das für die Fußballregeln zuständige Gremium, der International Football Association Board, hat schon wieder an den Fußballregeln herumgebastelt. Die Neuerungen gelten vom 1. Juli 2005 an.

Kaum zu glauben, aber wahr: Im Vorfeld der entscheidenden Jahrestagung diskutierte dieses Achtergremium ernsthaft darüber, ob für die Beurteilung einer Abseitsstellung die Nase, der Bauch, die Füße oder die Arme des Angreifers maßgebend sein soll ! Die Entscheidung der „Feinmechaniker” ist nunmehr gefallen: Die Positionen von Kopf, Körper und Füße sind entscheidend, vorgestreckte Hände und Arme bedingen keine strafbare Abseitsstellung…….

Schade, dass die Mitglieder dieses traditionsreichen Gremiums, denen „die Fußballregeln etwas Heiliges” sind, nicht Gäste beim DFB-Pokalendspiel Schalke 04 – Bayern München waren. Bei diesem Spiel ging es weniger fromm zu. Das Schiedsrichterteam – alle drei wurden übrigens über viele Jahre von mir als Schiedsrichterlehrwart gefördert – hatte bei den Abseitsentscheidungen erhebliche Probleme mit der „Feinarbeit”, wie die Zeitlupen- und Standbildaufnahmen des Fernsehens bewiesen. Diese nur mittels Elektronik entdeckten Fehlentscheidungen (die Zuschauer und die Betrachter der Fernsehübertragung nahmen die unkorrekten Entscheidungen kaum wahr) sollten Anlass sein, über den Sinn der Abseitsregelung (wieder einmal) nachzudenken:

Die Abseitsregel soll es den Abwehrspielern ermöglichen, am Spiel teilzunehmen, ohne dass sie stetig an ihre Gegenspieler „kleben” müssen. Eilen die verteidigenden Spieler mit nach vorn, sind die Stürmer genötigt, sich (bis zur Mittellinie) zurückzuziehen, um nicht im Abseits zu stehen. Den Verteidigern wird mit dieser Regel eine dauernde Abwehrchance garantiert.

Um diese Absicht zu realisieren, genügt es vollauf, wenn die Abwehrspieler sich beim Gegenangriff in der Nähe des Gegners aufhalten und sich ihnen die Möglichkeit zum Zweikampf bietet. Zenti- und Dezimeterentscheidungen wären also gar nicht vonnöten. Aus diesem Grunde hat die FIFA bereits vor Jahren die Regel geändert und bestimmt, dass „gleiche Höhe” mit dem Abwehrspieler nicht mehr als Abseits gilt, und der DFB hat seine Schiedsrichter angewiesen, im Zweifelsfällen zugunsten der Angreifer zu entscheiden.

In diese Richtung zielt auch die (übrigens auch heute noch gültige !) Entscheidung der FIFA zum verzögerten Pfiff bei Abseitsentscheidungen: Ein Angreifer ist erst dann strafbar abseits, wenn er den Ball selber spielt oder berührt. Dieser Beschluss des International Football Association Board rief einen Sturm der Entrüstung bei Spielern, Zuschauern und auch bei den Schiedsrichtern hervor.

Wie stark die Emotionen bei dieser Diskussion den Verstand überlagerten, bewies der Fernsehsender DSF: Er hatte in den letzten Jahren in einer Zuschaueraktion die Abschaffung des „passiven Abseits” gefordert und jetzt seinen Erfolg nicht einmal bemerkt……

Die Proteste gegen die neue Auslegung der Regel bewogen den IFAB zu einer Ergänzung der Anweisungen: Ein Spieler in einer Abseitsstellung kann bestraft werden, bevor er den Ball spielt oder berührt, falls nach Ansicht des Schiedsrichters kein anderer Mitspieler, der sich in einer Nichtabseitsstellung befindet, die Möglichkeit hat, den Ball zu spielen. Das bedeutet: Bei eindeutigen Abseitsstellungen kann auf den verspäteten Pfiff verzichtet werden.

Das Grundübel bleibt: Leider fordert der Text der Abseitsregel noch immer von den SR-Teams Positionsbestimmungen, die zuverlässig nur mittels eines Sextanten oder eines Navigationsgerätes getroffen werden können. Kontraproduktiv wirkt auch nach wie vor das Fernsehen: Wie die Übertragung des Spiels Deutschland gegen Australien zeigte, klammerte sich der Kommentator weiterhin verbissen am Regeltext. Statt aufklärend zu wirken und der Großzügigkeit eine Chance zu geben, wurden genüsslich Standbilder und Zeitlupen eingesetzt, um die Entscheidungen der Referees zu überprüfen. Die peniblen Kontrollen des Fernsehens haben in der Vergangenheit im erheblichen Maße dazu beigetragen, dass es den Spielleitern an Mut mangelte, dem „Sinn und Geist" der Regeln Geltung zu verschaffen.

Für das Schiri-Verhalten habe ich unter den gegebenen Umständen Verständnis: Der Vorwurf, ein Abseitstor anerkannt zu haben, wiegt ungleich viel schwerer als einige unkorrekte (folgenlose) Spielunterbrechungen wegen Abseits.