Grundsätzliche Überlegungen zur Schiedsrichter-Lehrarbeit

Die fünf Hauptprobleme in der Schiedsrichter-Lehrarbeit

Die Ausgangssituation

Die Weiterbildung der Schiedsrichter in den Kreisen und Lehrgemeinschaften findet in der Regel in monatlichen Versammlungen statt. Die durchschnittliche Beteiligung an diesen Fortbildungsveranstaltungen liegt in Deutschland erfahrungsgemäß bei nur 30%, obwohl die Teilnahme an fünf bis zehn (regional unterschiedlich) Weiterbildungsveranstaltungen obligatorisch ist. Die Gründe für das mangelnde Interesse der Fussballreferees an ihrer Fortbildung sind vielfältig. Häufige Aussagen der Spielleiter nach den Lehrveranstaltungen: „Das hat sich nicht gelohnt!”, „Ich habe nichts Neues dazugelernt”, „War das wieder langweilig!”


Problem 1 : Lernziele kundtun

Die Schiedsrichterlehrwarte sind zwar Regelkenner par excellence, sie sind jedoch methodische nicht oder wenig geschult. So versäumen es die Lehrwarte, zu Beginn einer jeden Veranstaltung, die Teilnehmer über die geplanten Lernziele aufzuklären: Eine erfolgreiche Mitarbeit der Lernenden setzt jedoch voraus, dass sie die Lernziele kennen. Ein bedeutender Pädagoge (Mager) meinte dazu: „Wenn die Lernziele nicht klar abgesteckt sind, muss man sich nicht wundern, wenn man nur auf Umwegen oder gar nicht ans Ziel kommt!”

Die Lernziele sollten untergliedert werden in Grob- und Feinlernziele. Das wichtigste Groblernziel der monatlichen Lehrveranstaltungen stellt die Wiederholung und Vertiefung des Wissens aus den Grundkursen dar. Will man der Unzufriedenheit der Besucher der Lehrveranstaltungen Einhalt gebieten, so muss die Bedeutung der Wiederholung immer wieder herausgestellt werden: Unser Gedächtnis ist vergleichbar mit einer Batterie. Nach der Ladung mit Regelwissen lässt die Kapazität allmählich wieder nach. Fragen wie „Wie war das noch?” und Aussagen wie „Das ist mit entfallen” sind dafür typisch. Deshalb ist es erforderlich, den „Akku” immer wieder nach zuladen. Anders gesagt: Der Schiedsrichter-Lehrwart berichtet über Dinge, die die Schiedsrichter wissen, damit sie sie jederzeit ganz sicher wissen ...


Problem 2 : Themenauswahl

Die Wiederholung des Regelwissens geschieht meistens analog dem Grundkurs (Anwärterlehrgang, Neulingslehrgang); lediglich die numerische Reihenfolge wird entsprechend der Bedeutung, die den einzelnen Regeln zugemessen wird, geändert. Kein Wunder also, dass das große Gähnen einsetzt, wenn der Schiedsrichter im Jahresplan liest: Januar: „Abseits”, Februar: „Regel 12”, März: „Der Strafstoß” usw.

Nun gibt es eine Möglichkeit, die Lehrarbeit interessanter zu gestalten und zugleich der Forderung nach Vertiefung des Regelwissens gerecht zu werden: Das Zauberwort heißt „Regellängsschnitte”. Bei der Behandlung der Fußballregeln in der Vertikalen geht es darum, die alle Regeln zugleich unter einem bestimmten Aspekt zu betrachten. Die Erfahrung hat gezeigt, dass unseren Kameraden diese Arbeit am Regeltext gefällt: Sie fühlen sich als „Forscher” und die Lehrarbeit wird zum Abenteuer!

Unter dem Link LEHRARBEIT finden sich detailliert ausgearbeitete Längsschnitte zu den Themen „Vorteil”, „Kein Vorteil”, „Persönliche Strafen”, „Indirekte Freistöße”, „Ungereimtheiten”, „Die Uhr und die Regeln”. Diese Reihe wird in der nächsten Ergänzung der Homepage um Überlegungen zum „Ort der Spielfortsetzung” ergänzt.


Problem 3: Die Mitarbeit

In der Schiedsrichter-Lehrarbeit ist die häufigste Form der Wissensvermittlung der Vortrag. Die Zuhörer sind weitgehend zur Passivität verurteilt. Zwischenfragen werden oft als störend empfunden. Das Ergebnis einer solch einseitig verbalen Wissensvermittlung ist, dass die Zuhörer nach relativ kurzer Zeit „abschalten”. Dabei ist hinlänglich bekannt, dass beim gesprochenen Wort nur 20% „hängen bleibt”.

Bei der Wissensvermittlung in regelkundlichen Längsschnitten bietet sich eine Unterrichtsform an, die das Problem der Passivität der Lernenden eliminiert, und zwar die Gruppenarbeit. Kleine Arbeitsgruppen (4 bis max. 6 Personen) erhalten die Aufgabe, eine oder mehrere Regeltexte unter einem vorgegebenen Aspekt zu durchleuchten. Über die Ergebnisse der Gruppenarbeiten wird dann im Plenum berichtet.

Wichtig zu wissen: Die Effizienz der Gruppenarbeit selbst ist wesentlich höher einzuschätzen als die der anschließenden Berichte in der Großgruppe.

Zwei weitere Vorteile dieses Lehrverfahrens:
- Der Lehrwart kommt mit einer minimalen Vorbereitungszeit aus.
- Das Studium der Regeltexte führt zu einer vom Lehrwart gewollten und vom Lernenden unbemerkten allgemeinen Wiederholung der Fußballregeln.


Problem 4: Verzicht auf Medien

Die nachstehende Graphik zeigt, wie wichtig es ist, in der Lehrarbeit Verstärker einzusetzen.
Es geht darum, die Kenntnis der Fußballregeln, die Bestimmungen der Organe (§§) sowie die richtige Umsetzung (Verhalten der Spielleiter) in die Köpfe der Schiedsrichter zu „transferieren”.
Der übliche Weg – ein kluger Lehrwart redet auf die Versammlung ein - ergibt eine Effizienz von nur 20%. Ein Gastreferent kann sich einer gesteigerten Aufmerksamkeit erfreuen und bringt es so auf 35%, selbst wenn sein Wissensstand den des heimischen Lehrwartes nicht ganz erreicht. Fazit: Einen Ringtausch organisieren und benachbarte Lehrwarte (gegebenenfalls in ihren Spezialgebieten) einsetzen!

Aus eins mach drei : Durch Medieneinsatz (in der zeichnerischen Darstellung als V für Verstärker gekennzeichnet) lässt sich in der gleichen Zeit das Vielfache ’rüberbringen. Die Anschaffung von Diaserien, Videofilmen, Transparenten, Power-point-Programmen usw. macht sich in kurzer Zeit bezahlt.

Das „non plus ultra” ist ein Lernen, dass neben dem Einsatz von Anschauungsmitteln auch noch die Eigentätigkeit fordert. Arbeitsblätter zu den Lehrfilmen und Diaserien sowie Lernspiele, die eine Selbstkontrolle ermöglichen (siehe unter LEHRARBEIT das Kapitel über die Selbstkontrolle) garantieren einen vierfach höheren Lernerfolg (80%) als der Vortrag ! (siehe Abb. 1)



Effizienz von Lehrmethoden beim Lehrabend

Abb. 1.  Diese graphische Darstellung zeigt die unterschiedliche Effizienz der Lehrmethoden, und zwar vom Vortrag (20%) bis zum “learning by doing” (80%).



Problem 5: Die fehlende Lernzielkontrolle

Zwei Dinge kommen in der Schiedsrichterlehrarbeit zu kurz: Die Lernzielkontrolle und die (kurzfristige*) Wiederholung des Gelernten.

Zum Lernen gehört auch die Erfahrung des Lernerfolges (oder auch die des Misserfolges). Der gute Lehrwart sollte in seiner „Unterrichtsvorbereitung” deshalb immer den Punkt Lernzielkontrolle vorsehen. Am einfachsten geschieht das durch den Einsatz eines Arbeitsblattes. Aus vielfältigen Gründen ist es vorteilhaft, wenn der Schiedsrichter die Auswertung seines Tests selbst übernimmt: Er erkennt seine Fehler selbst und kann sie so eher abstellen. Zudem entsteht beim Ausfüllen des Bogens kein leistungshemmender Druck, da der Schiri keine Blamage wegen gegebenenfalls erhöhter Fehlerzahl befürchten muss.

* bei der nächsten Lehrveranstaltung